„Mein Kind lispelt – verwächst sich das noch?“ Diese Frage beschäftigt viele Eltern, deren Kinder statt „Sonne“ „Thonne“ oder „Schnecke“ als „Schnecke“ mit herausgestreckter Zunge aussprechen. Lispeln ist eine der häufigsten Aussprachestörungen im Kindesalter – und gleichzeitig eine der am meisten unterschätzten.
In diesem Beitrag erkläre ich Ihnen als Sprachtherapeutin, welche Arten von Lispeln es gibt, wann Sie handeln sollten und warum frühzeitiges Eingreifen so wichtig ist.
Was ist Lispeln eigentlich?
Lispeln bezeichnet eine fehlerhafte Aussprache der Zischlaute S, Z und SCH. In der Fachsprache nennen wir das „Sigmatismus“. Die Zunge liegt dabei nicht an der richtigen Stelle im Mund, was zu einem veränderten Klang führt.
Normale S-Bildung: Die Zungenspitze liegt hinter den oberen Schneidezähnen am Gaumen, die Luft strömt schmal durch eine Rille in der Zungenmitte.
Beim Lispeln: Die Zunge nimmt eine andere Position ein, wodurch der typische „Lispel-Laut“ entsteht.
Die verschiedenen Arten des Lispelns
Nicht jedes Lispeln ist gleich. Es gibt verschiedene Formen, die unterschiedliche Ursachen haben:
1. Interdentales Lispeln (häufigste Form)
Die Zungenspitze schiebt sich zwischen die Zähne nach vorne. Der Laut klingt wie das englische „th“ in „think“.
Beispiel: „Sonne“ wird zu „Thonne“
Ursachen:
- Falsch antrainiertes Bewegungsmuster
- Offener Biss (Zahnfehlstellung)
- Gewohnheitsmäßiges Zungenpressen
- Lutschen an Daumen, Schnuller (über das 3. Lebensjahr hinaus)
2. Addentales Lispeln
Die Zungenspitze drückt gegen die Zahnreihe, der Laut klingt dumpfer.
3. Laterales Lispeln (seltener, aber hartnäckig)
Die Luft entweicht seitlich über die Zungenränder statt mittig. Klingt oft „schlürfend“ oder „schlappend“.
Besonderheit: Diese Form verwächst sich NIE von selbst und ist besonders schwer zu korrigieren, wenn sie lange besteht.
4. Palatales Lispeln
Die Zunge liegt zu weit hinten am Gaumen, der Laut klingt eher wie „sch“.
Bis wann ist Lispeln „normal“?
Hier kommt die wichtigste Information für Eltern:
Bis zum 4. Lebensjahr ist eine noch nicht perfekte S-Bildung völlig normal. Viele Kinder erwerben die S-Laute erst zwischen dem 4. und 5. Lebensjahr korrekt.
Ab dem 5. Lebensjahr sollte das S sauber gebildet werden können. Lispelt Ihr Kind mit 5 Jahren noch, besteht Handlungsbedarf.
WICHTIG: Dies gilt nur für das interdentale und adentale Lispeln! Laterales Lispeln sollte bereits früher abgeklärt werden, da es sich nicht von selbst zurückbildet.
Warum sollte Lispeln behandelt werden?
„Ist doch nicht so schlimm“ – höre ich oft. Doch Lispeln hat weitreichendere Folgen, als viele denken:
1. Zahnfehlstellungen und Kieferprobleme
Beim interdentalen Lispeln drückt die Zunge permanent gegen oder zwischen die Zähne – und zwar nicht nur beim Sprechen, sondern oft auch beim Schlucken (bis zu 2000 Mal am Tag!). Dieser konstante Druck kann zu:
- Offenem Biss (Frontzähne schließen nicht)
- Zahnfehlstellungen
- Verzögertem Kieferwachstum
- Notwendigkeit kieferorthopädischer Behandlung
Wichtig: Zahnspange allein hilft nicht, wenn das falsche Schluckmuster bleibt. Die Zunge schiebt die Zähne wieder nach vorne.
2. Psychosoziale Belastung
Kinder, die lispeln, werden häufig:
- Von Gleichaltrigen gehänselt („Babysprache“)
- In ihrer Sprechfreude gehemmt
- Unsicherer im sozialen Kontakt
- Als jünger oder weniger kompetent wahrgenommen
Besonders im Schulalter kann Lispeln das Selbstbewusstsein erheblich beeinträchtigen.
3. Schulische Schwierigkeiten
Lispeln kann den Schriftspracherwerb erschweren:
- Kinder hören den Laut falsch und schreiben ihn möglicherweise falsch
- Die Phonem-Graphem-Zuordnung (Laut-Buchstaben-Verbindung) ist beeinträchtigt
- Rechtschreibprobleme bei S-Lauten können entstehen
4. Berufliche Einschränkungen
Auch wenn es zunächst weit weg scheint: In vielen Berufen (Lehrer, Verkäufer, Moderator, Anwalt, etc.) ist deutliche Aussprache wichtig. Lispeln kann hier zum Hindernis werden.
Wann sollten Sie handeln? Der Zeitplan
Vor dem 4. Lebensjahr:
- Beobachten Sie die Entwicklung
- Vermeiden Sie Schnuller und Daumenlutschen
- Fördern Sie mundmotorische Übungen spielerisch (Seifenblasen, Strohhalm trinken)
Mit 4-5 Jahren:
- Wenn Lispeln noch besteht: Vorstellung beim Kinderarzt/Sprachtherapeutin
- Prüfung, ob andere Laute auch betroffen sind
- Abklärung der Zahn- und Kiefersituation
Ab 5 Jahren:
- Klare Empfehlung zur Sprachtherapie
- Je früher die Behandlung, desto schneller der Erfolg
- Optimal: Start vor der Einschulung
Bei lateralem Lispeln:
- Sofortige Abklärung, auch schon mit 3-4 Jahren
- Verwächst sich NICHT von selbst
Wie läuft eine Lispel-Therapie ab?
Viele Eltern fragen sich: Was passiert eigentlich in der Sprachtherapie bei Lispeln?
Phase 1: Diagnostik und Motivation
- Ausführliche Untersuchung der Mundmotorik
- Überprüfung aller Laute
- Abklärung des Schluckmusters
- Kindgerechte Erklärung: „Deine Zunge hat ein falsches Muster gelernt, wir bringen ihr ein neues bei“
Phase 2: Mundmotorik und Zungenruhelage
- Kräftigung der Zungenmuskulatur
- Erlernen der korrekten Zungenruheposition (oben am Gaumen)
- Übungen für Lippen, Zunge, Kiefer
- Spielerische Übungen (z.B. mit Eiswürfeln, Gummibärchen)
Phase 3: Erarbeitung des S-Lautes
- Anbahnung der korrekten Zungenposition
- Isoliertes Üben des S-Lautes
- Hilfsmittel: Spiegel, Spatel, manchmal auch Gaumenplatten
- Viel Lob und positive Verstärkung
Phase 4: Automatisierung
- S in Silben: sa, se, si, so, su
- S in Wörtern: Sonne, Seife, Salat
- S in Sätzen und Gesprächen
- Transfer in den Alltag (hier sind Eltern wichtig!)
Phase 5: Schluckmuster korrigieren
- Erlernen des korrekten Schluckens (Zunge bleibt oben)
- Automatisierung des neuen Musters
- Langfristige Sicherung
Dauer: Meist 6-12 Monate mit wöchentlichen Sitzungen, abhängig vom Schweregrad und der Mitarbeit.
Was können Eltern zu Hause tun?
Sie können die Therapie unterstützen – aber auch vorbeugend aktiv werden:
Präventiv (vor Therapiebeginn):
- Schnuller abgewöhnen spätestens mit 3 Jahren
- Daumenlutschen konsequent beenden
- Mundmotorik fördern: Seifenblasen, Wattebällchen pusten, durch Strohhalm trinken, Grimassen schneiden
- Nicht imitieren: Lispeln Sie nicht nach, auch nicht „süß gemeint“
Während der Therapie:
- Hausaufgaben konsequent üben (täglich 5-10 Minuten)
- Loben Sie jeden Fortschritt – auch kleine!
- Nicht permanent korrigieren – das frustriert. Verabreden Sie feste Übungszeiten
- Vorbild sein: Sprechen Sie selbst deutlich
- Geduld haben: Automatisierung braucht Zeit
Was Sie NICHT tun sollten:
- Das Kind ständig verbessern („Sag es richtig!“)
- Ungeduld zeigen
- Das Lispeln vor anderen thematisieren
- Druck aufbauen
- Die Therapie-Hausaufgaben vernachlässigen
Besonderheiten bei mehrsprachigen Kindern
Wenn Ihr Kind in Prag mehrsprachig aufwächst (Deutsch-Tschechisch), kann Lispeln in beiden Sprachen auftreten. Die gute Nachricht: Die Therapie wirkt sprachübergreifend, da es um ein motorisches Muster geht, nicht um eine spezifische Sprache.
Wichtig: Die Therapie sollte in der Sprache stattfinden, die das Kind besser spricht, oder in beiden Sprachen geübt werden. Ich biete Lispel-Therapie auf Deutsch an, was für deutschsprachige Familien in Prag ideal ist.
Die Rolle der Kieferorthopädie
Oft arbeiten Sprachtherapie und Kieferorthopädie Hand in Hand:
Idealer Ablauf:
- Erst Sprachtherapie (falsches Schluckmuster korrigieren)
- Dann Zahnspange (wenn nötig)
Warum diese Reihenfolge? Wenn die Zunge weiterhin falsch drückt, schiebt sie die Zähne trotz Spange wieder zurück. Die Behandlung wäre umsonst.
Viele Kieferorthopäden empfehlen daher vor oder parallel zur Spangenbehandlung eine myofunktionelle Therapie (Therapie des Schluckmusters).
Mythen rund ums Lispeln
Mythos 1: „Das verwächst sich von selbst.“ Stimmt nur teilweise. Interdentales Lispeln kann sich bis zum 5. Lebensjahr zurückbilden, danach wird es unwahrscheinlich. Laterales Lispeln verwächst sich NIE.
Mythos 2: „Lispeln ist niedlich.“ Was bei Kleinkindern süß wirkt, wird spätestens in der Schule zum Problem. Frühe Therapie erspart Ihrem Kind Hänseleien.
Mythos 3: „Man kann erst mit der Schule therapieren.“ Falsch! Ab 4-5 Jahren ist Therapie möglich und sinnvoll. Je früher, desto besser.
Mythos 4: „Lispeln ist harmlos.“ Lispeln kann Zahnfehlstellungen verursachen oder verstärken und das Selbstbewusstsein beeinträchtigen.
Fazit: Handeln lohnt sich!
Lispeln ist gut behandelbar, wenn es rechtzeitig angegangen wird. Die Erfolgsaussichten sind ausgezeichnet, besonders wenn Therapie vor dem Schulalter beginnt. Je länger ein falsches Muster automatisiert ist, desto schwieriger wird die Korrektur.
Mein Rat: Wenn Ihr Kind mit 5 Jahren noch lispelt, warten Sie nicht ab. Eine sprachtherapeutische Abklärung gibt Ihnen Klarheit und Ihrem Kind die Chance auf eine deutliche, selbstbewusste Aussprache.
Lispeln ist kein Schönheitsfehler – es ist eine behandlungsbedürftige Artikulationsstörung mit möglichen Langzeitfolgen. Aber die gute Nachricht: Mit der richtigen Unterstützung kann Ihr Kind lernen, klar und deutlich zu sprechen.
Ihr Kind lispelt und Sie sind unsicher, ob Therapie nötig ist? Gerne berate ich Sie individuell- Gemeinsam finden wir den besten Weg für Ihr Kind – mit viel Geduld, Fachwissen und kindgerechten Methoden.
