Prag ist eine internationale Stadt – deutsche Expat-Familien, binationale Paare und tschechische Familien mit Deutschkenntnissen stehen häufig vor derselben Frage: Sollen wir unser Kind zweisprachig erziehen? Die Sorge, das Kind zu überfordern oder seine Sprachentwicklung zu verzögern, ist weit verbreitet. Als Sprachtherapeutin möchte ich Ihnen zeigen, warum mehrsprachige Erziehung in den meisten Fällen eine wunderbare Chance ist – und wann Sie tatsächlich aufmerksam sein sollten.
Die gute Nachricht: Kinder sind geborene Sprachlerner
Kinder verfügen über eine beeindruckende Fähigkeit, mehrere Sprachen gleichzeitig zu erlernen. Ihr Gehirn ist in den ersten Lebensjahren besonders aufnahmefähig und kann mühelos zwischen verschiedenen Sprachsystemen unterscheiden. Studien zeigen, dass zweisprachig aufwachsende Kinder häufig sogar Vorteile entwickeln: Sie sind flexibler im Denken, können besser zwischen Aufgaben wechseln und zeigen oft ein besseres Verständnis für verschiedene Perspektiven.
In Prag haben Kinder zudem den großen Vorteil, beide Sprachen – Deutsch und Tschechisch – im natürlichen Umfeld zu erleben: zu Hause, im Kindergarten, auf dem Spielplatz und später in der Schule.
Mythos „Sprachverwirring“: Was ist dran?
Viele Eltern sorgen sich, dass ihr Kind durch zwei Sprachen verwirrt werden könnte. Tatsächlich ist es völlig normal, dass zweisprachige Kinder:
- Etwas später mit dem Sprechen beginnen – meist nur um wenige Monate verzögert, weil sie zwei Sprachsysteme aufbauen
- Sprachen mischen – besonders zwischen dem 2. und 4. Lebensjahr ist das Sprachwechseln („Code-Switching“) ein Zeichen von Sprachkompetenz, nicht von Verwirrung
- In einer Sprache zunächst einen kleineren Wortschatz haben – die Gesamtzahl der Wörter über beide Sprachen hinweg liegt aber im normalen Bereich
Diese Phänomene sind Entwicklungsschritte, keine Störungen. Mit etwa 4-5 Jahren trennen die meisten Kinder ihre Sprachen sicher und sprechen beide altersgemäß.
Wann ist Vorsicht geboten?
Mehrsprachigkeit an sich führt nicht zu Sprachproblemen. Wenn jedoch bereits eine Sprachentwicklungsstörung vorliegt, zeigt sie sich in allen Sprachen des Kindes. Achten Sie auf folgende Warnsignale:
- Ihr Kind spricht mit 2 Jahren noch keine Wörter (in keiner Sprache)
- Mit 3 Jahren werden keine Zweiwortsätze gebildet
- Die Aussprache ist auch für nahestehende Personen schwer verständlich (ab 4 Jahren)
- Grammatikfehler bleiben über das 5. Lebensjahr hinaus stark ausgeprägt
- Das Kind zeigt wenig Interesse an Kommunikation
In diesen Fällen sollten Sie eine sprachtherapeutische Diagnostik in Erwägung ziehen – und zwar in beiden Sprachen, um ein vollständiges Bild zu erhalten.
Praktische Tipps für erfolgreiche Mehrsprachigkeit
1. Konsequenz ist der Schlüssel
Das Prinzip „Eine Person – eine Sprache“ hat sich bewährt: Wenn möglich, sollte jedes Elternteil konsequent in seiner Muttersprache mit dem Kind sprechen. Das Kind lernt so, Sprachen mit Personen zu verknüpfen.
2. Keine „Zwangssprache“
Wenn Ihr Kind in einer Sprache antwortet, die Sie gerade nicht sprechen, ist das in Ordnung. Wichtig ist, dass es beide Sprachen hört und versteht. Das aktive Sprechen folgt oft später.
3. Qualität vor Quantität
Ihr Kind braucht ausreichend Input in beiden Sprachen. Experten empfehlen mindestens 20-30% Kontaktzeit pro Sprache. Nutzen Sie Bücher, Lieder, Spiele und vor allem: natürliche Gespräche im Alltag.
4. Geduld haben
Mehrsprachige Entwicklung verläuft in Wellen. Manchmal dominiert eine Sprache, dann die andere – das ist normal und kein Grund zur Sorge.
5. Positive Einstellung vermitteln
Ihre eigene Haltung prägt Ihr Kind. Wenn Sie Mehrsprachigkeit als Bereicherung sehen und beide Sprachen wertschätzen, wird Ihr Kind das auch tun.
Besonderheiten in Prag: Deutsch als Minderheitensprache
Wenn Deutsch die Familiensprache ist, Ihr Kind aber einen tschechischen Kindergarten oder eine tschechische Schule besucht, wird Tschechisch oft zur dominanten Sprache. Das ist eine natürliche Entwicklung. Um das Deutsche zu stärken, können Sie:
- Regelmäßige Besuche bei deutschsprachigen Verwandten einplanen
- Deutschsprachige Spielgruppen in Prag besuchen
- Deutsche Medien (Bücher, Hörspiele, Filme) anbieten
- Deutsche Vereine oder Freizeitaktivitäten nutzen
Wann brauchen Sie professionelle Unterstützung?
Eine sprachtherapeutische Beratung ist sinnvoll, wenn:
- Sie unsicher sind, ob die Sprachentwicklung Ihres Kindes altersgemäß verläuft
- Ihr Kind in beiden Sprachen deutliche Schwierigkeiten zeigt
- Die Erzieher:innen im Kindergarten Auffälligkeiten bemerken
- Ihr Kind frustriert ist oder sich ungern mitteilt
Als Sprachtherapeutin kann ich eine differenzierte Diagnostik in beiden Sprachen durchführen und Sie individuell beraten – denn jede Familie und jedes Kind ist anders.
Fazit: Chance nutzen!
Mehrsprachige Erziehung in Prag ist für die allermeisten Kinder eine große Chance und keine Überforderung. Kinder mit zwei oder mehr Sprachen entwickeln wertvolle Fähigkeiten, die ihnen ein Leben lang zugutekommen – beruflich, kulturell und persönlich.
Vertrauen Sie auf die natürliche Sprachfähigkeit Ihres Kindes, schaffen Sie eine sprachreiche Umgebung in beiden Sprachen und holen Sie sich Unterstützung, wenn Sie unsicher sind. Dann steht einer erfolgreichen mehrsprachigen Entwicklung nichts im Wege.
Haben Sie Fragen zur mehrsprachigen Entwicklung Ihres Kindes? Ich berate Sie gerne – auf Deutsch und mit Verständnis für die besonderen Herausforderungen internationaler Familien.
